Pulse of Europe


Flagge zeigen für Europa

Gesellschaft


3. Mai 2017

Eine wachsende Anzahl Menschen trifft sich regelmäßig auf zentralen Plätzen in über 100 europäischen Städten, um gemeinsam für den Fortbestand Europas zu demonstrieren.

Den Demonstrierenden geht es um die Bewahrung und Weiterentwicklung eines vereinten demokratischen Europas. Sie wollen es nicht zulassen, dass Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt zum Spielball paranoider Demagogen werden. Sie fordern, dass die humanistischen Grundwerte, die allen Menschen im geeinten Europa ungeachtet ihrer Nationalität und Religion, ihres sozialen Status, ihres Geschlecht und ihrer sexuellen Identität garantiert werden, erhalten bleiben. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen, die sonst eher der schweigenden Mehrheit zugerechnet werden, die Energie und den Willen aufbringen, Woche für Woche auf die Straße zu gehen, um rechte »Wir-Sind-das-Volk«-Parolen zu konterkarieren – mit dem gemeinsamen Bekenntnis zum Zusammenleben in einer Staatengemeinschaft ohne Grenzen und gegen den Rückfall in nationalstaatliche Strukturen und die Beschneidung der über Generationen erkämpften Freiheiten und Rechte. 

Um dem heuchlerischen Rechtspopulismus à la Wilders, Le Pen, Orbán und Konsorten mit frischer, positiver Energie entgegenzutreten und ein Zeichen der Verbundenheit mit der europäischen Idee auszusenden, kann jeder an den Demonstrationen von Pulse of Europe teilnehmen: einfach am Sonntag Nachmittag zum nächstgelegenen PoE-Ort gehen und von 14 bis 15 Uhr eine Stunde lang Gleichgesinnte treffen und spüren, dass man nicht allein ist, sondern mit Menschen jeglichen Alters gemeinsam für die europäische Idee eintreten kann – ein großartiges Gefühl! Hier formiert sich eine Basis, um Europa zu verbessern, um Reformen zu formulieren und durchzusetzen und um europaweiten Frieden und persönliche Freiheiten zu erhalten.

Pulse of Europe wurde 2016 nach Brexit und dem US-Wahldebakel als Bürgerinitiative in Frankfurt am Main gegründet. Dahinter stand die Überzeugung, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst tätig werden müssen, wenn sie die Auflösung Europas durch das Wiedererstarken von Nationalismus und Rechtspopulismus verhindern wollen. Dass dieser einfache Gedanke eine derart große, inzwischen europaweite Resonanz in der Bevölkerung findet, deutet auf eine breite, grundsätzliche Zustimmung zur europäischen Idee hin und zeigt zugleich das Dilemma Europas auf: Angesichts der Komplexität des politischen Apparats und der gefühlten Undurchsichtigkeit der in den Gremien getroffenen Entscheidungen wähnen sich die Bürgerinnen und Bürger abgekoppelt von der politischen Gestaltung der EU. Sie fühlen sich eher von einer anonymen Behörde verwaltet denn von engagierten Politikern repräsentiert. Ein konstruktives europapolitisches Engagement auf der Ebene von Bürgerinitiativen erscheint unter diesen Vorzeichen geradezu undenkbar – wie sollte eine kleine lokale Bürgerinitiative Einfluss auf einen Administrationsgiganten wie die EU nehmen können? Doch wie man im Fall von Pulse of Europe sieht, kann aus klein und lokal auch sehr schnell groß und international werden, man muss nur mal anfangen und es ausprobieren …

Undurchsichtige Strukturen, bizarre Entscheidungen und die allgemeine Trägheit der europapolitischen Masse verstellen den Blick darauf, dass die EU keine unveränderliche Zwangsveranstaltung ist, sondern dass sie existiert, weil die Mehrheit der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Zusammenschluss europäischer Länder als Instrument der Friedenssicherung installieren wollten. »Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus« lautete die Prämisse, unter der auch heute noch die europäische Idee zu betrachten ist. Dass diese Idee hinter dem Bild der EU als Wirtschaftsunion immer weiter verblassen konnte, ist traurig, aber nicht unumkehrbar. Denn die Bürgerinnen und Bürger haben es selbst in der Hand. In den Ländern der Europäischen Union garantieren demokratische Verfassungen das Recht auf politische Betätigung. Wenn die Bürgerinnen und Bürger ihr gesetzlich garantiertes Privileg der politischen Teilhabe auch als Verpflichtung begreifen, an der Realisierung der europäischen Idee aktiv teilzunehmen, ließe sich der institutionelle Fokus von der Ökonomie auf die zu kurz gekommenen sozialen Aspekte der europäischen Grundidee verlagern. Wer Kritik und Verbesserungsvorschläge hat, sollte diese auch außerparlamentarisch auf die politische Agenda bringen, sollte mit anderen diskutieren, Initiativen bilden, demonstrieren und durch direkte Kommunikation mit Abgeordneten Macht und deren Ausübung kontrollieren. Nur so lassen sich den zurecht kritisierten Entwicklungen einer sich verselbständigenden Bürokratie und einem wild wuchernden Lobbyismus Einhalt gebieten und neue Impulse geben, um Europa sozialer und wirtschaftlich gerechter zu gestalten.
Pulse of Europe stellt insofern einen ermutigenden Anfang dar. Es ist eine überparteiliche Plattform, die es bisher in dieser Form nicht gab: ein Forum, auf dem sich die eine große Gemeinsamkeit der meisten Europäer herauskristallisiert, nämlich das prinzipielle »JA« zu Europa. Erwächst daraus ein neues Selbstbewusstsein, aus dem heraus  sich die Menschen nicht nur
für Europa aussprechen, sondern beginnen, sich aktiv  an dessen Gestaltung zu beteiligen? Vielleicht überträgt sich der Elan der wachsenden Anzahl aktiver Europabefürworter und nimmt auch diejenigen mit, die Europa gegenüber bisher gleichgültig eingestellt sind.

Wenn dies gelingt – und es kann nur gelingen, wenn Pulse of Europe sich nicht von parteipolitischen Interessen vereinnahmen lässt –, stehen die Chancen gut, dass der momentane Dämmerzustand Europas, der letztlich den Nährboden für Euroskeptizismus, Rechtspopulismus und Nationalismus darstellt, überwunden werden kann. Statt sich voneinander abzuwenden, sollten die Länder und Menschen näher zusammenrücken, über Sprach- und Ländergrenzen hinweg intensiv miteinander kommunizieren, sich besser kennenlernen und verstehen, was sie selbst und andere bewegt und was sie sich von Europa erhoffen – und was sie gemeinsam tun können, um Europa zu verbessern.

Text u. Bild: Thomas Donga-Durach

Mehr:

http://pulseofeurope.eu/
wikipedia.org/wiki/Pulse_of_Europe

WDR-Beitrag zum Hören und Lesen:
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/politikum/aufmachertitel-pulseofeurope100.html

 

 

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